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04.07.2021

„Der Buddhismus hat mich gepackt.“

Interview mit Hannes Huber, zertifizierter MBSR-, MBCT- und MBCL Lehrer, Leiter Meditationsretreats im In- und Ausland und Dozent im MBSR-Ausbildungsteam des ZAS, Zentrum für Achtsamkeit Stuttgart.

 

ÖBR: Lieber Hannes, wie hast du zur Lehre Buddhas gefunden?

 

Hannes: Es gibt so etwas wie Neujahrsvorsätze, und ich kann mich noch genau erinnern, am 1. Jänner 1985 dachte ich mir: „So kann es nicht weitergehen!“. Also begann ich zu Hause zu meditieren, ohne Anleitung, stellte aber bald fest, dass es so nicht gut geht, und ging nach längerem Zögern zum Buddhistische Zentrum am Fleischmarkt, ins Sekretariat zu Claudia Braun. Da es zeitgleich einen buddhistischen Einführungskurs gab, nahm ich daran teil. Der Kurs fand damals im Sekretariat statt und hat mich sozusagen gepackt. Was mir fehlte, war die Meditationspraxis, das Sitzen. Nach meinem mehrmaligen Bitten gab Claudia schließlich nach und wir konnten am Ende des Kurses fünf Minuten meditieren [:lacht], und dabei bin ich zum ersten Mal in den Theravada-Raum gekommen. Das war mein Beginn in dem Raum, in dem wir jetzt sitzen, und ich dachte, ja, das ist also der Raum vom buddhistischen Zentrum, und kam öfters. Da mir das aber damals zu wenig war, habe ich mich ins Flugzeug gesetzt und bin nach Sri Lanka geflogen. Dort ging ich in ein Kloster und konnte ausgiebig meditieren.

 

„Wenn mich jemand inspiriert, so habe ich das Bedürfnis, es mit anderen zu teilen.“

 

ÖBR: Warum hast du deine buddhistische Heimat im Theravada gefunden?   

 

Hannes: Die einfachste Antwort, die ich mir selber gegeben habe, da ich mich das auch schon gefragt habe, war: „Das war da im Buddhistischen Zentrum am Fleischmarkt die erste Tür. Ich bin halt nicht weiter gekommen“ [:lacht]. In der Zwischenzeit, obwohl Theravada immer noch meine Heimat ist, habe ich mich für Zen, für die Gelug-Tradition im Sinne der Bereicherung zu interessieren begonnen. Ich denke, dass jede Tradition ihre Schwerpunkte und Stärken hat und wir hier im Westen den Luxus haben zu den verschiedensten Traditionen Zugang zu haben.

 

ÖBR: Du lädst seit Jahrzehnten internationale Lehrerinnen und Lehrer in die Theravada-Schule ein, wie kamst du auf diese Idee?

 

Hannes: Ja, ich erinnere mich noch an die Einladung an Sayadaw U Pandita [Anm.: War einer der führenden Vipassanā-Meister aus Burma] bei uns in der Theravada-Schule einen Vortrag zu halten, den ich dann im Schaukasten am Fleischmarkt angekündigt habe. Da standen dann zwei Interessierte davorstanden und sagten: „Das kann nicht der richtige Sayadaw U Pandita sein“ [:lacht]. Es war scheinbar unglaublich, dass er nach Wien kommen und einen Vortrag in der Theravada-Schule halten sollte, aber ja, es war so.

 

ÖBR: Ich erinnere mich noch an Godwin Samararatne [Anm.: Buddhistischer Meditationslehrer aus Sri Lanka], wie kam es zu seiner Einladung?

 

Hannes: Mit Godwin verband mich ein freundschaftliches Verhältnis. Ich fand ein geeignetes Zentrum, das „Haus der Stille“ in Puregg, und veranstaltete ein Retreat mit ihm. Viele Leute wurden von ihm sozusagen gepackt und er kam danach noch zwei, drei Mal nach Österreich. Nur beim letzten Mal hat er kurz davor abgesagt und er wollte, dass ich statt seiner das Retreat leiten sollte. Das war mein Sprung ins kalte Wasser damals Ende der 1990 Jahre. Wenn mich jemand inspiriert, so habe ich das Bedürfnis, es mit anderen zu teilen.

 

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ÖBR: Du bietest allerlei Kurse an den verschiedensten Orten an, kannst du davon deinen Lebensunterhalt bestreiten?

 

Hannes: Es hat sich in den letzten Jahren ergeben, dass ich davon leben kann. Das finde ich auch wichtig, da ich sonst nicht die Zeit hätte so viele Retreats zu geben. Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR)-Kurse sind auch noch eine kleine Aufbesserung. Am liebsten wäre mir, wenn ich alles auf Dāna [Anm.: Gabe, Spende, Großzügigkeit] machen könnte. Es verschwindet immer mehr im säkularen Rahmen, aber ich denke, dass Dāna einerseits eine schöne und ganz wichtige Praxis ist und andererseits den Dhamma [Anm.: Buddhistische Lehre] allen zugänglich macht. Es ist mir wichtig, dass es hier im Rahmen der Theravada-Schule praktiziert wird.

 

„Dāna, eine wichtige Praxis, den Dhamma allen zugänglich zu machen.“

 

ÖBR: Sind „MBSR-Seminare“ nicht dasselbe wie buddhistische Meditationsmethoden?

 

Hannes: Für mich ist das nicht ein und dasselbe, der große Unterschied besteht darin, dass ich Vipassanā-Meditation in einem größeren, religiösen Kontext sehe, der vielleicht bei uns hier im Westen nicht diesen Stellenwert hat wie in Asien. Aber es ist jedenfalls etwas anderes, als sich etwas herauszunehmen aus dem Kontext, wie es im MBSR geschieht. Das ist natürlich sehr hilfreich fürs Alltagsleben, aber es ist aus dem Zusammenhang genommen. Bei der MBSR-Lehrer-Ausbildung, als Dozent, bringe ich die buddhistischen Wurzeln mit hinein, denn es ist auch wichtig, nicht nur etwas herauszunehmen, sondern auch zu wissen, wo es herkommt, wie der Kontext ist.

 

ÖBR: Nenne ein Beispiel?

 

Hannes: Achtsamkeit ist bei MBSR herausgenommen aus einem größeren Zusammenspiel – zum Beispiel Sila   Das wurde weggelassen. Vipassanā schaut vielleicht erst einmal gleich aus, aber ich denke, Vipassanā führt zu Weisheit, Einsicht in die Vergänglichkeit und Leerheit, das heißt nicht, dass es bei MBSR nicht auch passieren kann, aber es ist nicht das Ziel. Vipassanā als Weg kann zur Befreiung von jeglichem dukkha [Anm.: schwer zu ertragen, Leid] führen. Buddha gab ein Beispiel von einem Gleichnis von zwei Pfeilen: Du wirst von einem Pfeil getroffen und man rammt sich noch einen zweiten hinein; das ist dukkha, das man zum ersten Leid noch hinzufügt. MBSR versucht den zweiten Pfeil herauszuziehen oder ihn sich erst gar nicht hineinzurammen. Der Buddha-Dhamma entfernt in letzter Konsequenz auch den ersten Pfeil.

 

„Es gibt kein Vorbeikommen an der Praxis.“

 

ÖBR: Was sind aus deiner Sicht die häufigsten Irrtümer, denen Dhamma Praktizierende unterliegen?

 

Hannes: Ein häufiger Irrtum besteht darin, zu glauben, dass man mit dem Willen alles kann, dass man etwas erzwingen kann, aber auch, dass man mit der Praxis gewissen psychologischen Herausforderungen ausweichen kann, was letztlich nicht geht. Es gibt einen schönen Ausdruck des „Spiritual Bypassing“, Ausweichen durch meditatives High-Werden, aber man wird von diesen Themen wieder eingeholt. Ich erlebte das auch selbst. Es gibt kein Vorbeikommen. Die Dhammapraxis selbst ist auch anatta [Anm.: kein unveränderliches, unabhängiges Selbst] im Sinne, dass man nichts erzwingen kann, sondern nur Ursachen setzen kann und die Wirkungen kommen in ihrer Zeit. Das sah ich am Anfang meiner Praxis auch noch nicht.

 

ÖBR: Ich möchte dir zu deinem 60. Geburtstag gratulieren und fragen, hast du einen Herzenswunsch, den du dir gerne erfüllen möchtest?

 

Hannes: Ich las das Interview von Georg, der 80 wurde, und dachte mir, dass du es mich noch nicht fragen würdest [:lacht]. Ich habe viele Herzenswünsche. Aber einen wirklich großen hatte ich, dass ich mir mit 60 wieder ein Jahr Sabbatical nehme, wo ich mehrere Monate Zeit habe, in Asien zu praktizieren, das geht nun gerade nicht, aber das kann man ja auch mit 62 oder 63 machen. Ein anderer ist, dass ich mit ein paar Leuten, die sich interessieren, eine experimentelle Gruppe machen möchte, die sich mit den Existenzebenen der buddhistischen Kosmologie beschäftigt. Diese haben auch etwas mit Aspekten unseres eigenen Geistes zu tun, spiegeln sich quasi darin. Dieser Aspekt wird hier bei uns im Westen meist ausgespart. Ich hatte zuletzt in Burma damit praktiziert.

 

ÖBR: Du hast immer wieder buddhistische Reisen an die historischen Wirkungsstätten Buddhas organisiert, kannst du darüber etwas erzählen?

 

Hannes: Das mache ich nicht mehr.

 

ÖBR: Diese Antwort ist zu kurz!

 

Hannes: [:lacht] Ich habe vielleicht vor, mit ein paar Leuten, einer sehr kleinen Gruppe, so eine Reise wieder zu machen, aber die Organisation sollte jemand anderer tun. Ich erinnere mich noch an eine sehr schöne „Auf den Spuren des Buddha“-Reise, wo wir auch im Panditarama in Lumbini waren, wo am Schluss noch einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer dortblieben.

 

ÖBR: Gibt es eine Frage, die ich nicht gestellt habe, die du aber gerne beantworten möchtest?

 

Hannes: Ich wünsche mir, dass die Buddha-Lehre hier in Europa auch weiterhin an Breitenwirkung gewinnt, aber trotzdem auch ihre volle Tiefe als Weg zur Befreiung entfalten kann. Für Letzteres braucht es hierzulande noch einiges. Gerade in Zeiten, wo Reisen nicht mehr so einfach möglich sind, wird uns das umso mehr bewusst. Wir haben etwa noch kein Kloster in der Theravada-Tradition in Österreich. Wir bräuchten auch einen Ort, an dem Menschen sich ausgedehnter Meditationspraxis (z. B. mehrere Monate) widmen können und dabei gut begleitet werden – und natürlich Menschen, die bereit sind, den Weg zu gehen. Es liegt an uns.

 

ÖBR: Danke für das Interview.

 

Interview: Hannes Kronika, Foto: Ida Räther

 

Hannes Huber
praktiziert Achtsamkeitsmeditation (Vipassana) und Metta-Meditation seit 1985 und lebte für einige Jahre in buddhistischen Klöstern in Burma und Sri Lanka. Dabei absolvierte er mehrere bis zu 6-monatige Vipassana-Meditationsretreats. Yogalehrerausbildung am Yogainstitut Santacruz, Bombay. Ausbildung in Psychosynthese bei Sascha Dönges, Basel. Ausbildung in MBSR (Stressbewältigung durch Achtsamkeit) nach Ion Kabat-Zinn in Dublin, Irland. Er leitet Meditationsretreats im In- und Ausland und ist Dozent im MBSR-Ausbildungsteam, ZAS Stuttgart.



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