campus religionen 345
26.04.2022

Friedensgebet am Campus der Religionen

Unter dem Aspekt der Solidarität und der Bemühung um Frieden in der Ukraine lud der Verein „Campus der Religionen“ zu einem Zeichen bewusster Gemeinschaft in die Seestadt Wien-Aspern ein.

 

Die Botschaft der versammelten Religionsgemeinschaften und christlichen Konfessionen: „Wir können nicht schweigen, wenn der Frieden in Europa bedroht wird, wenn es um unsere Nachbarn geht. Krieg bedeutet Leiden und Unheil und darf nicht zur Lösung internationaler Probleme missbraucht werden.“

 

campus

 

ÖBR-Generalsekretär Johannes Kronika wies in seiner Ansprache auf die Solidarität der Religionen in Österreich hin und zitierte aus einem Vortrag des heuer verstorbenen Zen-Meisters Thich Nhat Hanh: „Bitte, nenne mich bei meinen wahren Namen!“

 

campus religionen 74

 

Die Ansprache von ÖBR-Generalsekretär Johannes Kronika im Wortlaut

 

Werte Gäste, liebe Freunde des Campus der Religionen: Lassen sie mich ein wenig in die Geschichte zurückblicken, zu einem Ereignis vor 50 Jahren, das entscheidend zur Anerkennung der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft beigetragen hat. Prof. Fritz Hungerleider war der erste Präsident der buddhistischen Gesellschaft, der Vorgängerorganisation der ÖBR. Er entstammte einem gemischt-konfessionellen Elternhaus: Sein Vater war Jude, die Mutter Katholikin. Prof. Hungerleider lud 1973 den Dalai Lama nach Wien ein. Da die Unterbringung eines Mönchs mit dem Gelübde, nicht gemeinsam mit Frauen unter einem Dach zu wohnen, einige Schwierigkeiten bereitete, bot damals Kardinal Dr. König kurzerhand Räumlichkeiten zur Unterbringung des Dalai Lama an. Dieses und noch andere gemeinsame Ereignisse führten schließlich zur staatlichen Anerkennung als Österreichische Buddhistische Religionsgesellschaft im Jahre 1983.

 

Es freut mich ganz besonders, heute an dieses für mich schöne Beispiel von Gemeinsamkeit der Religionen anschließen zu können.

 

campus religionen 502

 

"Bitte, nenne mich bei meinem wahren Namen!"

 

Der heuer verstorbene Zen-Meister Thich Nhat Hanh sagte in einer seiner vielen Vorträge einmal: „Bitte, nenne mich bei meinem wahren Namen! Betrachte es ganz tief: Jede Sekunde komme ich an, sei es als Knospe in einem Frühlingszweig oder als winziger Vogel mit noch zarten Flügeln, der im neuen Nest erst singen lernt. Ich komme an als Raupe im Herzen der Blume oder als Juwel, verborgen im Stein.

 

Ich komme stets gerade erst an, um zu lachen und zu weinen, mich zu fürchten und zu hoffen. Der Schlag meines Herzens ist Geburt und Tod von allem, was lebt. Ich bin die Eintagsfliege, die an der Wasseroberfläche des Flusses schlüpft. Und ich bin auch der Vogel, der herabstürzt, um sie zu schnappen. Ich bin der Frosch, der vergnüglich im klaren Wasser eines Teiches schwimmt. Und ich bin die Ringelnatter, die in der Stille den Frosch verspeist. Ich bin das Kind in Afrika, nur Haut und Knochen, mit Beinchen so dünn wie Bambusstöcke. Und ich bin der Waffenhändler, der todbringende Waffen verkauft. Ich bin das Mädchen, Flüchtling in einem kleinen Boot, und ich bin auch der Schlepper. Mein Herz ist noch nicht fähig, zu erkennen und zu lieben.

 

Meine Freude ist wie der Frühling. So warm, dass sie die Blumen auf der ganzen Erde erblühen lässt. Mein Schmerz ist wie ein Tränenstrom. So mächtig, dass er alle vier Meere ausfüllt.

 

Bitte, nenne mich bei meinem wahren Namen! Damit ich all mein Weinen und Lachen zugleich hören kann. Damit ich sehe, dass meine Freude und mein Schmerz eins sind.

 

Bitte, nenne mich bei meinem wahren Namen! Damit ich erwache! Damit das Tor meines Herzens von nun an offensteht, das Tor des Mitgefühls."

 

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.

 

Redaktion: Manfred Krejci, Fotos: Ida Räther



weitere Beiträge

facebook: Buddhismus in Österreich instagram: Buddhismus in Österreich